„Kontrollierte Wildnis“ hinterm Haus

Der naturnahe Garten –Teil 1

Norbert Rötker hat hinter seinem Haus einen Naturgarten angelegt. „Kontrollierte Wildnis“ nennt er die 800 Quadratmeter große Fläche – und erklärt, welche Vorteile diese Art des Gärtnerns aus ökologischer Sicht bietet.

 

Im April gibt es im Garten bekanntlich viel zu tun. Davon weiß dieser Tage mancher Gartenbesitzer ein Lied zu singen. Nachdem beseitigt worden ist, was der Winter hinterlassen hat, stehen je nach Gartenart vielfältige Arbeiten an. Im Gemüsegarten wollen Beete für die Saat vorbereitet, Kohl, Brokkoli, Rote Beete, Möhren, Radieschen, Rettich, Zwiebeln und Spinat ausgesät werden. Im Obstgarten wird angepflanzt (zum Beispiel Erdbeeren oder Beerensträucher), beschnitten und geformt. Und auch im Ziergarten ist einiges zu tun, damit er das ganze Jahr über blüht und ein harmonisches Bild abgibt: Boden auflockern, Sommerblumen aussäen oder vorziehen, Blumenzwiebeln setzen, düngen.

Von all diesen Arbeiten erledigt Norbert Rötker derzeit nur die wenigsten. Hinter seinem Eigenheim am Püsselbürener Damm blickt er nämlich auf keinen herkömmlichen, sondern auf einen naturnahen Garten. Schön wild sieht es hier auf rund 800 Quadratmeter Fläche aus. Vielfältige heimische Pflanzen und Kräuter, ergänzt durch etliche, scheinbar wahllos verstreute Stein- und Totholzhaufen, bestimmen das Bild.

„Magere, also nährstoffarmeBöden bedeuten Artenvielfalt.“

 

Den klassischen Englischen Rasen sucht man in dieser besonderen Grünoase vergeblich. „Magerflächen“ heißt stattdessen das Zauberwort. „Magere, also nährstoffarme Böden bedeuten Artenvielfalt“, erklärt NABU-Mitglied Rötker. Was aus ökologischer Sicht für einen Naturgarten mit einem hohen Anteil solcher Magerflächen spricht, steht für Rötker, der sich auch im Naturgarten e.V. engagiert, außer Frage. Bedrohten Arten will er einen Lebensraum bieten, den Garten zum Tummelplatz für Insekten und andere Nützlinge machen. Und damit hat er einigen Erfolg. So sind immer wieder seltene Arten – etwa die Gartenwollbiene, die Frühlingspelzbiene oder die Glockenblumen-Sägehornbiene – seine willkommenen Gäste.

Als häufiger Gast willkommen ist auch NABU-Mitstreiter Reinhard Mau. Er erklärt, wie ein naturnaher Garten beschaffen sein sollte: „Ein Wild- oder naturnaher Garten muss nicht zwangsläufig verwildert aussehen, jedoch nach Möglichkeit ökologisch wertvoll und nachhaltig gestaltet sein. Unter Berücksichtigung der Lage und des Standortes (sonnig, halbschattig oder schattig) sowie der Bodenverhältnisse (sandig, lehmig oder mager), gilt es, eine möglichst große Vielfalt an einheimischen Wildstauden oder eine Wildblumenwiese anzulegen.“

Ein weiteres, unschlagbares Argument für den Naturgarten ist, dass er deutlich weniger Arbeit macht, als ein herkömmlicher. „Das einzige, was ich in diesen Tagen mache, ist, die Stengel und Blütenstände der Pflanzen vom letzten Jahr abzubrechen“, erklärt Naturgartenexperte Rötker. Bis dahin haben sie manchen Insekten noch als Winterraststätte gedient. Und auch jetzt werden sie nicht achtlos in der Biotonne entsorgt, sondern lose im hinteren Bereich des Gartens gesammelt. Rötker: „Damit landen eventuell noch vorhandene Insekten nicht im Kompost.“

Für Garten-Faulenzer?

Dann ist ein Naturgarten also die ideale Lösung für Garten-Faulenzer? Nur bedingt, meint Norbert Rötker und betont, dass es auch in einem Naturgarten nicht ganz ohne Aufwand geht und im Laufe des Gartenjahres doch einige Arbeiten anfallen. So greift der Naturgärtner überall dort regulierend ein, wo er das Gleichgewicht seines kleinen Naturraums, das er gerne als „kontrollierte Wildnis“ bezeichnet, bedroht sieht. „Wenn man gar nichts macht, dann verbuscht alles komplett.“ Deshalb zieht Rötker Sämlinge, zum Beispiel von Eichen oder Kastanien, regelmäßig heraus. Gar nicht willkommen sind so genannte invasive Neophyten, also Pflanzenarten, die von auswärts kommen und die heimische Flora verdrängen würden, wenn man nicht rigoros gegen sie vorginge.

Als Beispiel nennt Norbert Rötker den Japanischen Knöterich. Unerwünscht sind – jedenfalls in seinem Naturgarten – auch motorisierten Hilfsmittel, auf die der Hobby-Gärtner im Allgemeinen so gerne zurückgreift. Von Mähroboter, Laubsauger und Co. hält Naturfreund Rötker nichts und erledigt den Schnitt seiner Wiese lieber wie früher, nämlich mit der Sense oder einem mechanischen Walzenrasenmäher. Bei einzelnen Verrichtungen und je nach Einstellung des Gärtners kann ein naturnaher Garten also durchaus auch mit mehr Mühe verbunden sein, als ein konventioneller Zier- oder Gemüsegarten.

Wie ein konventioneller Garten auch in Teilbereichen naturnah gestaltet werden kann, verraten Norbert Rötker und Reinhard Mau im zweiten Teil unserer Reihe.

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